Im Kaleidoskop: Norfolk, VA

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Mermaid, in Downtown Norfolk aufgenommen

Die Stadt Norfolk (sprich: „Nor-fok oder Naw-fok“, verrät der Norfolk Visitors Guide) hat einen großen Vorteil für die Ranking List der Sehnsuchtsorte: Sie liegt am Meer, genauer gesagt, an der Chesapeake Bay, im Süden des US-Südstaats Virginia. Weiter südlich, bevor man die Grenze zu North Carolina erreicht, gibt es keine „richtige“ Stadt mehr. In Anführungsstrichen deshalb, weil das hier in den USA, insbesondere in der Hampton-Roads-Region, wo viele Siedlungsgebiete einfach ineinander übergehen, eher relativ zu sehen ist. (Südlich von Norfolk liegt genau genommen noch das weitflächige Chesapeake, das sich in den 1960er Jahren aus mehreren Gemeinden zusammenschloss.)

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Elizabeth River, Downtown

Auf den ersten Blick mag Norfolk, VA vielleicht eher spröde und im Vergleich zu anderen Städten an der Ostküste der Vereinigten Staaten wenig besonders daherkommen. Wer von Norden durch den Hampton-Roads-Bridge-Tunnel in die Stadt einfährt, nimmt wohl zuerst die eindrucksvollen Silhouetten der Flugzeugträger in der Naval Station am Horizont der Bucht wahr. Die Kulisse der Waterfront am Elisabeth River in Downtown mit ihren Geschäfts- und Hotelhochhäusern und dem dominanten Ellypsen-Baukörper des maritimen Museums Nauticus ist gewiss überschaubar und wenig spektakulär. Norfolks Seele, glaube ich, wird erst im Kaleidoskop sichtbar, in dem sich Bruchstücke maritimer, monumentaler, klassischer und kolonialer Revival-Stile, 1930er, -60er und 80er-Jahre-Moderne, Anspruchslosigkeit und Glanz immer wieder anders an einander gruppieren. Kunst-, Musik- und Weinfestivals existieren neben Shrimp-Weekends, mexikanischen Restaurants, NATO-Appreciation-Zooevents, Craftbeer-Brauereien, Studentenkneipen, gigantischen Bowlingcentern, Countryclubs, African-American-Hairsalons und vor allem dem Kult um die Mermaids, den Meerjungfrauen, die zum Logo der Stadt wurden.

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Fassade der preisgekrönten Slover Library in Norfolk Downtown
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Monticello Ave, Downtown mit dem Lifeclub NorVa
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Restaurant im Norfolker Stadtteil Ghent
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Kino in Ghent

Norfolk wurde 1682 als Hafenstadt am Elisabeth River gegründet, nachdem die Briten befunden hatten, dass jedes County der Kolonie über eine solche verfügen soll. Um 1900 und 1920 erweiterte sich die Stadt immer mehr in Richtung Norden, Osten und Süden und erst in den 1950er Jahren wurde u.a. der an der Chesapeake Bay gelegene Stadtteil East-Ocean-View eingemeindet.

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Da, wo heute neue Strandhäuser im traditionellem Kolonialstil sowie 80- und 90er-Jahre-Wohnanlagen an der Ocean View Avenue nur an wenigen Stellen den Blick auf das Meer freigeben, hat übrigens bis 1979 der Ocean View Amusement Park existiert. Er prägte mit seinen Attraktionen und dem wunderbaren, lang gestreckten Strandbad jahrzehntelang die Stadtansicht an der Bucht und das kulturelle Leben der Region. Mit der berühmten und weithin sichtbaren Holzachterbahn ist die Sailor-Romantik und ein Teil des wilden Glamours an Norfolks Chesapeake-Bay-Küste wohl verloren gegangen. Bleibt zu hoffen, dass das, was ein bisschen schmuddelig und mitunter auch ziemlich häßlich heute am Ocean View zwischen den schicken, und unglaublich teuren Neubauten übrig geblieben ist, die Gentrifizierungswelle überlebt. Der Blick durch das Kaleidoskop könnte sonst ziemlich langweilig werden.

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Auf der Ocean View Avenue, an diesem diesigen Morgen ohne Ocean View…
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Neubauten am East Ocean View
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Herbsttag in East Beach, Norfolk