Gänsehaut beim Tattoo

Irgendwann im letzten Sommer joggte ich an einem Sonntagmorgen am Strand entlang. Plötzlich ertönte von irgendwoher Lautsprechermusik. Die frühen Strandspazierer und ihre Hunde um mich herum blieben da auf einmal wie angewurzelt stehen und starrten ehrfürchtig geradeaus. Oder lächelten versonnen. Heute weiß ich, dass ich ein schrecklich respektloser Banause gewesen war, indem ich unbekümmert weiterrannte. Es war die amerikanische Nationalhymne, die da gespielt wurde. Sie weckt uns seither jeden Sonntag. Die Quelle der Musik hat sich mir bisher noch nicht ganz erschlossen; vermutlich kommt sie aber von der benachbarten Military Base. Die Nationalhymne wird hier in den USA zu allen möglichen Anlässen – ob vorm Spendenlauf an der Schule, vorm Baseballspiel oder eben sonntags in East Beach –  wie selbstverständlich gespielt. Die Etikette verlangt, dass man aufsteht und sein Baseball Cap absetzt. Viele Amerikaner legen sich beim Mitsingen sogar die Hand aufs Herz. Es beeindruckt mich immer wieder sehr und jetzt bleibe auch ich ehrfürchtig stehen und lächele versonnen, weil ich in diesem Land leben darf. Aber gestern habe ich zum ersten Mal dabei eine Gänsehaut bekommen! Als die National Anthem  beim International Tattoo vorgetragen wurde, ging es unter die Haut! Nicht nur, weil der Sänger eine fantastische Stimme hatte und ein bisschen aussah wie Cuba Gooding Junior. Sondern auch, weil ich meinte, die amerikanische Seele und das – unterschiedliche Kulturen – Verbindende der Musik buchstäblich fühlen zu können… Das Tattoo ist ein alljährlich im Rahmen des Virginia Arts Festivals in Norfolk stattfindendes, sehr beliebtes Konzert verschiedener, internationaler Militärbands. (Und ja, es heißt Tä-tuu, nicht Tettu! Genauso wie die Hautzeichnung – die oft fälschliche Aussprache des Wortes hat mich in Deutschland immer ein bisschen irritiert…) Es war eine üppige, kunstvolle, farbenfrohe und pompöse Performance, die auch das 100-jährige Bestehen der Naval Base in Norfolk thematisierte – 1917 waren die USA in den Ersten Weltkrieg eingetreten. Ich bekam plötzlich Lust, mir wieder einmal ein Bürgerkriegsdrama anzusehen, oder auch Braveheart – auch heute noch sehen Jungs in traditionellen Uniformen gut aus (und nicht nur in denen ;-)) – und eigentlich hat sich doch auch nur die Mode geändert?

Schon zu einem früheren Zeitpunkt habe ich in diesem Blog einmal beschrieben, wie angesehen Soldaten in den USA sind. Nahezu jedermann (besonders hier in den Hampton Roads) ist auf irgendeine Weise mit ihnen verbunden, für viele ist der Militärdienst das Sprungbrett in die Karriere. Soldaten repräsentieren eine Art Ideal von Ehre, Pflicht und Selbstaufopferung. Und sie werden als Wahrer des Friedens und der Freiheit auch für das eigene Land verstanden. Am Ausgang nach dem Konzert gibt die Highschool-Schülerin ihnen die Hand und sagt: „Thank you for your service!“ Da fand ich es irgendwie ziemlich peinlich, dass wir zuhause in Deutschland so wenig „Danke“ sagen. Wäre das nicht auch dem Feuerwehrmann gegenüber selbstverständlich, dem Polizisten oder der Altenpflegerin?

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