Wetterleuchten

Die Crape Myrtles sind nun in voller Blüte und es ist schwer, gerade jetzt gehen zu müssen. Ich liebe den heißen Norfolk-Sommer. Die süßlich-schwere Luft, der ohrenbetäubende Zikadengesang und die trödeligen Tage am Strand oder Pool werden mir fehlen. Und doch habe ich neulich bei meinem Morgenlauf nicht ganz leugnen können, dass es vielleicht auch sein Gutes hat, bald wieder in einem weniger schwülen Klima trainieren zu können. Vielleicht hat es ebenso sein Gutes, auch wieder in einem gesellschaftlichen und politischen Klima zuhause zu sein, dass nicht immerzu so extrem und so exhausting – erschöpfend – ist… So emotionengeschwängert die letzten Wochen waren, so schwer die Abschiede fielen und so weh uns allen ums Herz ist, so unbefriedigend ist es nun aber auch irgendwie, dass unser Rückflug nach Deutschland, der heute hätte gehen sollen, gecancelt wurde und wir nun einen weiteren Tag in der Warteschlaufe hängen.

Denn der Zustand, in dem wir uns befinden, nachdem wir unser Haus in East Beach übergegeben haben und ich zum letzten Mal bei PMA Architecture durch die Tür gegangen bin (Es gab ein großes Fest im Haus von Jeff und Katie, den Principals, zum Abschied – ich war sehr gerührt!) , hatte etwas eigenartig Unbestimmtes, Nomadenhaftes: Nicht mehr richtig hier aber auch noch nicht da. Das heißt wir waren eigentlich Reisende, denn wir hatten ja noch unseren – vorerst letzten – Road Trip geplant. Diesmal – zum ersten Mal – kein Urlaub mehr zu fünft. Clara hatte entschieden, ihre letzten Wochen mit ihren Freunden zu verbringen. Ich kann es gut verstehen und gleichzeitig ist es gar nicht so einfach zu begreifen, dass nun auch familiär für uns eine neue Zeit angefangen hat.

Zaha Hadid in Cincinnati, Ohio.

So haben wir zum letzten Mal in verkehrsgünstig (:-)) gelegenen Kettenhotels übernachtet – mit zu weichen Betten, rasselnden Klimaanlagen, Hotelfrühstück aus Papptellern, Fake-Rührei und Frühstücksfernsehen, das von den schrecklichen Zuständen an der Mexikogrenze („Konzentrationslagern“) und den Razzien der Immigrationsbehörde ICE berichtete. Zum Glück haben wir auf unserer Strecke diesmal nicht so viel Fox News konsumieren müssen und wann immer ich irgendwo auf dem Land eine Planned-Parenthood-Klinik entdeckte, vor der keine radikalen Abtreibungsgegner standen, habe ich innerlich aufgeatmet (manchmal ist Amerika einfach nur frustrierend).  Nach zweieinhalb Tagen Autofahrt von Norfolk aus durch West Virginia, Kentucky und den Mittleren Westen waren wir in Chicago angekommen. (Dort wohnten wir jedoch nicht im Motel, sondern im legendären Palmer House in Downtown, das zwar ein noch sehr authentisches, eindrucksvolles historisches Ambiente aufwies, in Sachen Komfort und Preis-Leistungsverhältnis jedoch ein bisschen enttäuschend war.)

Chicagos Waterfront.
Bank-Gebäude von 1961 mit Erweiterung aus den 90er Jahren und historischem Drive-Thru-Schalter in Columbus, Indiana.

Einen Zwischenstopp hatten wir in Columbus, Indiana, einem winzigen Städtchen südlich von Indianapolis, welches dank des Engagements seines philanthropischen Einwohners und Unternehmers J. Irwins zwischen den 1950er und 1970er Jahren eine unglaubliche Vielzahl an Bauwerken großer Architekten der Zeit und Vertreter des modernen Bauens realisiert hat. Ein unerwartetes Highlight „off the beaten track“ und ein Mekka für Leute wie mich natürlich! Auch in Cincinnati, Ohio haben wir angehalten, Eis gegessen und Zaha Hadids Museumsbau bewundert. Es gibt so viele wunderbare Orte in den USA, die man meist nur erleben kann, wenn man – im Land des Automobils – auch gerne Auto fährt. Wie sich in Columbus zeigte, gab es in den USA schon in den 1960er Jahren Drive-Thru-Bankschalter! Das fand ich schon irgendwie cool.

Chicago Coffee Shop.

In Chicago haben wir uns dann unter die vielen Menschen in den Parks und an der Waterfront des Lake Michigan gemischt, wo man baden konnte und einen tollen Blick auf im Abendlicht dümpelnde Segelboote und das Feuerwerk zum 4. Juli hatte. Wir sind durch die Hochhausschluchten und vorbei am Trump-Tower (in dem die Ladenzeilen leer stehen) spaziert, haben im hippen Bio-Café gefrühstückt und im Nudel-Imbiss Abendbrot gegessen. Wir haben Frank Lloyd Wrights Häuser in Oak Park besucht (Greta und ich) und das Planetarium (Christian und Marta). Und während ich morgens mit den vielen anderen Laufbegeisterten am Michigansee entlang joggte, dachte ich mir, es ist bestimmt eine schöne Stadt zum Leben. Zumindest in den Monaten des Jahres, in denen sie nicht vom Wind und Winterkälte in Beschlag genommen ist!

Highway in New York State.

Über Detroit und Toronto ging unser Trip dann weiter in Richtung Neuengland. Im nördlichen New York State passierten wir kreationistische Billboards, „Pray-against-abortion“-Banner an Kirchentüren und Verkehrsschilder, die auf Amish-Kutschen hinwiesen. In das ländliche Vermont mit seinen saftig grünen Wiesen und Wäldern, Bergen, klaren Seen und eindrucksvollen Scheunenbauten haben wir uns sofort verliebt und in Maine haben wir uns einen Spaß daraus gemacht, Subarus zu zählen (interessanterweise eine Automarke, die kaum irgendwo sonst in so einer Masse vorkommt). Außerdem haben wir hier unseren ersten richtigen Hummer gegessen! (Ich hatte allerdings einige Probleme damit, dem Hummer beim Aufknacken in seine Knopfaugen zu sehen…) Auf Cape Cod sind wir durch das malerische, LGBT freundliche Provincetown gebummelt und haben im eiskalten Atlantik gebadet.

Wandern im Acadia National Park in Maine.

Mir ist bewusst, wieviel Glück und Privileg wir hatten, dass wir so viel in diesem Land haben reisen können. Es hilft aber, so glaube ich, um es, als jemand, der hier nicht aufgewachsen ist, besser verstehen zu lernen. Vor allem aber brennen sich seine Naturschönheit, seine Weite und Vielfältigkeit ins Herz ein. Auf eine Art, finde ich, lässt einen das Frieden machen mit den vielen hässlichen und traurigen Dingen, die Amerika eben auch ausmachen…

Heißer Sommertag an der Virginia Beach Oceanfront.

An unserem „letzten Abend“ gestern spazierten Christian und ich noch einmal mit Bier in Can Cosies (Neopren-Manschetten, die zum einen Getränke kalt halten und zum anderen ggf. verstecken sollen, dass es sich um Alkohol handelt) zum Strand. Und während wir ein letztes Mal dem Reiher und den Wellen zusahen, sannen wir darüber nach, welche inzwischen so vertraut und lieb gewordenen Aspekte des Lebens wir hier nun zurücklassen (die Sprache, die Turnschuh-Mode, die Musik, die kulturellen Besonderheiten, die Nationalparks, die Klimaanlagen, die Tacos usw.). Zuvor hatten wir Sue und Mike, die uns vor drei Jahren mit Matratzen und Besteck ausgeholfen hatten und uns nun in unseren letzten Wochen beherbergten, zum Essen eingeladen. Da erfuhren wir vom Sohn, der nach seinem Kriegseinsatz und posttraumatischen Belastungssyndrom nun wegen Verteilung von Kinderpornographie in einem der härtesten Gefängnisse der USA einsitzt. Wie so oft in diesem Land, ist es einerseits Recht und andererseits – da es so sinnlos und vermeidbar erscheint – einfach nur ungeheuer tragisch und traurig… Auf einmal gab es ein imposantes Wetterleuchten über dem Meer. Ein bisschen ist mir, als ob der Himmel uns damit etwas sagen wollte: Seid nicht traurig, dass es vorbei ist. Wie die Blitze hinter den Wolken entzünden sich nun neue Möglichkeiten. Und sieht das nicht eigentlich auch ganz schön aus?

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