Anders…

Ich gebe zu, dass ich – nicht selten damit hadernd, dass sich meine 30er Jahre nun langsam aber sicher dem Ende nähern :-(- doch meistens ganz froh bin, dass wochenendliche Ausflüge zu Kinder-Tanzauftritten der Vergangenheit angehören :-)! Neulich waren Marta und ich jedoch zu einer Tanz-Performance ihrer Schulfreundin eingeladen – ein Erlebnis, das mich – amerikanischer hätte es kaum sein können – ziemlich beschäftigt hat! Marta und ich waren so ziemlich die einzigen Gäste, die nicht schwarz waren – ein Fakt, den ich eigenartig beruhigend fand – warum sollen wir nicht auch einmal in der „Minderheit“ sein, wo es doch sonst in unseren Kreisen meist andersrum ist?

Zarah wächst (wie viele Kinder an Martas Schule) bei ihrer Tante und ihrem Onkel auf und wir wurden sofort von der Familie komplett und sehr herzlich vereinnahmt. Offensichtlich war es für alle anwesenden Familien ein großes Ereignis! Alle schienen auch persönlich eng mit den jungen Tanzschulbesitzern verbunden und alles sollte perfekt ablaufen: Goldene Luftballon-Deko, (zu) enge, grell-farbige Kostüme, riesige Schleifen in den Haaren, Väter in schwarzen Anzügen (für den Vater-Tochter-Tanz), ein aufwendig gedrucktes Programmheft, das vor allem mit ausführlichem Lob und überschwänglichen Zukunftsglückwünschen für die Kinder bestückt war und eine tränenreiche Rede der Tanzlehrerin, in der vor allem Gott für seine Hilfe und Liebe gedankt wurde. Da spielte es eigentlich auch kaum eine Rolle, dass die Choreographie nicht ganz perfekt war, die Umkleidepausen viel zu lang und der Hip Hop aus den Lautsprechern mit unter etwas verzerrt klang. Glaube und Familienzusammenhalt war für die Community das Wichtigste – das geht mir irgendwie nicht aus dem Kopf…

Als Clara und ich dann am letzten Freitag – quasi als Ferienauftakt – in Washington zum Konzert der Puerto-Ricanischen Superstars Wisin y Yandel waren (Musik, auf die Clara durch ihre Freundinnen mit Lateinamerikanischen Wurzeln gekommen ist) waren wir vermutlich auch die einzigen nicht-Hispanics aber wir versuchten wenigstens genauso glamourös auszusehen und gekonnt die Hüften zu schwingen :-). Die Stimmung war frenetisch und obwohl wir kein Wort Spanisch verstanden, konnten wir uns, allein an den Blicken und Gesten, die ausgetauscht wurden, ahnen, worum es in der Musik ging :-)…

Der Umzug hat begonnen.

Währenddessen löst sich unser Leben in East Beach nun unweigerlich auf: Unsere Autos sind heute in den Container verladen wurden und da, wo ich bis vor kurzem noch auf der Couch saß und Fleabag auf Netflix ansah, stehen nun gestapelte Umzugskisten im Haus. Die Couch hat die Salvation Army abgeholt und für unsere letzten Tage in Norfolk sind wir zu Sue und Mike gezogen. Sie haben uns am Anfang mit Matratzen und Geschirr ausgeholfen und jetzt sind sie wieder diejenigen, auf die wir bauen können. Im Fernsehen läuft ununterbrochen MSNBC mit Rachael Maddows, Judge Judy oder Dr. Phil :-). Es ist eine emotionale Zeit mit vielen Abschieden von lieben Menschen, lieb gewonnen Orten und Dingen, auf die wir nicht so gerne mehr verzichten möchten. (Klimaanlagen zum Beispiel! Es ist sommerlich und heiß und wieder beginnt die kräftigfarbige, üppige Blüte der Crape Myrtles.) Greta ist heute in aller Herrgottsfrühe mit der Spanisch-Klasse nach Costa Rica geflogen – was für ein besonderer Abschluss nach diesem Schuljahr, das im Stechschritt zu Ende gegangen ist. Marta ist heiter und voller Erwartungen ins Camp Horizons gezogen, dem Summer Camp, in dem sie bereits in den letzten Sommerferien war. Jede Meile, die wir uns näherten, wurde sie aufgeregter und vorfreudiger und auch für mich war es fast ein feierliches Gefühl, wieder zurück im wunderschönen Shenandoah Valley zu sein…

Summer Camp…

Das täuscht fast ein bisschen darüber hinweg, dass uns unser Leben in Deutschland ebenfalls unweigerlich wieder eingeholt hat: Die letzten Tage waren mit einigem Frust und viel Aufregung um Claras Schulplatz gefüllt. Sie wird nun leider die 10. Klasse an einer Berliner Schule wiederholen müssen. (Vom Gymnasium in Potsdam, mit dem wir aus gutem Grund frühzeitig in Kontakt getreten waren, fühlen wir uns im Stich gelassen und offensichtlich auch falsch beraten. Und bitte erzähle mir keiner etwas von der guten Qualität des deutschen Schulsystems! :-() Doch „everything happens for a reason“ heißt es in Amerika: Vielleicht läuft jetzt nicht alles nach Plan. Aber als wir vor drei Jahren hergekommen sind, tat es das auch nicht. Unser Alltag war plötzlich völlig anders und spielte sich im Wesentlichen zwischen Schulbuszeiten und Verkehrsstaus ab. Es begann bald zu frustrieren. Ich war unzufrieden ohne richtigen Job und Christian ist plötzlich sehr krank geworden. Wir haben uns angepasst. Und jetzt ist es beinahe perfekt. Vielleicht wird es das auch in einiger Zeit in Berlin wieder sein…

Ein Gedanke zu „Anders…“

  1. Liebe Katja, ich werde deine Beiträge vermissen. Es ist jedesmal spannend, interessant und so liebe voll geschrieben.Du solltest über einen neuen Blog nachdenken, denn das Schreiben scheint eine Gabe von dir zu sein. Die Veränderungen die du von euch beschreibst sind nicht zu übersehen . Amerika hat euch gut getan und ich wünsche euch das ihr in Berlin davon profitieren werdet. LG Heike

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