America, bittersweet

Es ist fast schmerzhaft zuzugeben, wie schnell man bereit ist zu vergessen – nein, nicht vergessen, aber zumindest einen Schleier über zur „Normalität“ gewordene schreckliche Ereignisse zu legen und sich anderem zuzuwenden… Am Freitag hat es hier bei uns, genau genommen in der Stadtverwaltung von Virginia Beach, eine Massenschießerei gegeben, bei der 12 Menschen gestorben sind. Es hat für nationale und internationale Schlagzeilen gesorgt und die Gemeinde steht unter Schock. Morgen soll auch in den Schulen in Norfolk aus Solidarität Blau getragen werden.

Der Ruf nach verschärfteren Waffengesetzen ist wieder lauter geworden – überhaupt scheint seit Parkland dieses Thema in der Politik nicht mehr wirklich zu ruhen. Fortschritte erfolgen zwar nur in Minischritten und auf Bundesstaatenebene aber immerhin scheint die Waffenlobbyorganisation NRA inzwischen durch interne Machtkämpfe sowie eine Reihe von Untersuchungen durch die New Yorker Staatsanwaltschaft und die stärker werdende Finanzkraft der Gun-Control-Bewegung geschwächt. Vielleicht ein Hoffnungsschimmer… In der Nacht von Freitag auf Samstag hat es heftig gewittert und wolkenbruchartig geregnet – als ob der Himmel wütend und einfach nur unendlich traurig war. Doch als ich heute Abend am Strand spazieren ging und Menschen zusah, die friedlich in der warmen, ruhigen See baden und Booten, die im Wasser dümpelten, erschien mir das wie die friedlichste und heilste Welt, die man sich an einem Sonntag vorstellen kann…

Es ist heiß geworden in Norfolk und schwül und dank der viel zu kalt eingestellten Klimaanlagen habe ich mir eine Erkältung zugezogen. Letztes Wochenende war das lange Memorial Day Weekend und die Kinder und ich haben die meiste Zeit am Strand und Pool verbracht. Lange werden wir das so ja leider nicht mehr haben. (Den Klagen über die Hitze kann ich nicht viel abgewinnen ob des Gedankens, dass wir bald wieder in Deutschland sind und der Erinnerungen, die ich an kurze und verregnete Sommer habe… Seufz.) Christian ist wohlbehalten von seiner großen Alaska-Kanada-Motorradtour zurückgekommen und mit einem Mal ist Juni geworden! Bald packen wir für Martas Summer Camp und für unseren letzten großen Urlaub in den USA – und wahrscheinlich auch als Familie. (Clara wird in Zukunft sicher nicht mehr mit uns reisen.) Langsam setzt die Nervosität wegen des Umzugs ein. Das Haus, in dem wir in East Beach wohnen, wird verkauft und der Makler, der sich das Haus angeguckt hat, sah aus wie ein etwas in die Jahre gekommener Surflehrer :-). Ein bisschen habe ich das Gefühl, dass unsere fast drei Jahre Leben am Strand eines Tages in unserer Erinnerung etwas so sein werden, wie die Begegnung mit dem wohlparfümierten Surfermakler: Flüchtig, unerwartet, nett und fast unwirklich. Allerdings haben sie uns verändert. Kaum, dass wir es selbst gemerkt haben. Wir alle sind amerikanischer geworden. Nicht nur die Kinder als amerikanische Schulkinder. Unsere Nachbarn werden nicht müde zu betonen, dass ich anfangs die Haare immer hochgesteckt hatte und hübsche Kleider trug. Und gewiss war ich um einiges unsicherer und vieles war mir nicht klar. Jetzt trage ich Shorts, Sneakers und die langen Haare meist offen. Kleider trage ich immer noch gerne aber ich mag die Person mehr, die mir jetzt im Spiegel entgegen blickt. Auf vielerlei Ebene. Ich mag die Person, die Amerika aus mir gemacht hat – die Person, die auf ein bisschen mehr Dinge jetzt achtet und der ein bisschen mehr Dinge nicht mehr egal sind…

2 Gedanken zu „America, bittersweet“

  1. Und die Person der andere Dinge gleichzeitig nicht mehr so wichtig sind, sie nicht mehr aufregen. Aber das gilt wohl für uns beide. Love you!

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