California still on my mind

In mir ist eine eigenartige Unruhe, eine Art Himmelhoch-jauchzend-zu-Tode-betrübt in leichter Ausführung. Es mögen die warmen Frühlingsnächte sein, die nach draußen locken – auf Norfolks Dachterrassen und Downtown-Straßen, an den Strand und in unseren kleinen Innenhof, in dem wir wieder die frisch geschlüpften Täubchen beobachten können (dieses Jahr sind sie allerdings ganz schön spät dran). Ein bisschen kann man der Luft schon anfühlen, dass die Abende bald wieder schwül und heiß werden und jegliche Aktivitäten draußen anstrengend. Und dennoch kann ich es kaum erwarten. Ich werde die Norfolk-Sommer sehr vermissen – wenn es nach Meer riecht und Hortensien, Haare und Nägel wachsen und ein Besenstiel, wenn man nicht aufpasst, im Garten Wurzeln schlägt, wie Christian immer sagt…

Blick von der Rooftop-Bar des Grain in Norfolk.

Nur noch knapp drei Monate bleiben uns in Amerika. Obwohl zugegebenermaßen ein bisschen Aufbruchstimmung schon eingesetzt hat, da die Tage nun gezählt sind, betrüben uns die Gedanken daran, Freunde, Kollegen, Schulen und Arbeit und all das, was uns hier so lieb und vertraut geworden ist, bald wieder zurückzulassen. (Aber vielleicht ist es nur eine Pause. Vielleicht eine längere. Vielleicht sind wir eines Tages wieder hier. Zumindest zu Besuch. Vielleicht ganz bestimmt! Ich mache schon wieder Reisepläne!) Vor Kurzem haben wir bereits Abschied von unseren lieben Nachbarn und Freunden Katie und John genommen, die nach South Carolina umgezogen sind. (John scheidet – ein typischer amerikanischer Werdegang – mit jetzt Anfang 40 aus dem Militär aus und in South Carolina ist er finanziell nicht gezwungen, eine zweite Karriere anzuschließen, da seine Pension dort nicht versteuert werden muss. Das für Renten und Pensionen keine Steuern gezahlt werden müssen, ist für viele Rentner ein Grund nach Florida oder einen anderen Südstaat zu ziehen – das habe ich erst jetzt kapiert.)

First Friday Straßenfest in Norfolk.

Der April und Mai sind in diesem Jahr also die Monate, in dem für uns das Ablegen alter Schalen (im wahrsten Sinne des Wortes – wir haben schon eine ganze Menge an Sachen aussortiert) beginnt und das Pläne schmieden für das, was kommt, dann in Berlin. Gleichzeitig jedoch bleibt das Gefühl bestehen, hier herzugehören und unser „normales“ Leben geht weiter. Wenn ich jetzt irgendwo unterwegs bin, kommt es nicht selten vor, dass ich Leute kenne… Clara hat am letzten Wochenende mit ihren Freunden hier in Virginia Beach ihr allererstes Musikfestival (Something in the Water) besucht und ich bin ein bisschen neidisch: Jay-Z war da und Pharell. Und Missy Elliot war schon ein paar Tage zuvor an einer High School in Portsmouth gewesen! (Krass irgendwie, dass das für uns zum „normalen“ Leben gehört.) Ich habe dafür meine ersten Schwimmzüge im noch eiskalten Meer in diesem Jahr absolviert, zum Glück aber auch meine letzte Bingo-Voluntier-Schicht. Der Schwimmverein hat das Winterzelt über dem Pool wieder geöffnet, in der Schule gibt es Zoobesuche, Fototermine und Büchermärkte. Bis zum letzten Moment, denke ich, werde ich wohl in Feet und Inches denken (ich möchte auch meine Lauf-App ungern von Meilen auf Kilometer umstellen), sowie an viktorianische Häuser und Blockhütten aus den 1930er Jahren (Projekte mit denen ich gerade zu tun habe) und an Sea Level Rise…

Christian ist heute morgen zu seinem großen, langersehnten Motorradtrip ans Polarmeer aufgebrochen. Den ganzen Mai über wird er unterwegs sein. Etwas zerknirscht hat er seine Route kurz vorher noch umplanen müssen, weil (zu) milde Temperaturen einige zugefrorene Flusspassagen schon zum Auftauen gebracht haben. (Nach dieser Reise wird für ihn die Zahl der Bundesstaaten, die er besucht bzw. durchfahren hat, bei 48 liegen! Unglaublich.) Und bald werden wir gemeinsam zu unserem letzten großen Roadtrip in den USA aufbrechen.

Los Angeles.

Das Reisen in diesem Land bleibt faszinierend. Ich kann fast sagen, dass es in mir ein notorisches Fernweh und Fieber geweckt hat. Da unsere Zeit hier nun spürbar zu Ende geht und damit auf eine Art auch die Absicht dieses Blogs, werde ich mich nun wohl langsam der Frage widmen müssen, ob ich den amerikanischen Traum in diesen fast drei Jahren gefunden habe? Das viele Hässliche und Deprimierende, was man hier täglich quasi ohne Filter zu Gesicht bekommt – der noch immer nicht überwundene Rassismus und die Chancenungleichheit, Fox News, die ständigen beunruhigenden Ereignisse im Land und in der Politik (wieder gab es eine Schießerei in einer Synagoge und diese Woche wurde der Generalstaatsanwalt, der scheinbar als komplette Rückendeckung Präsident Trumps angetreten ist, zum Mueller-Report angehört), wird durch die Schönheit, Vielfalt und Weite dieses Landes vielleicht ein wenig erträglicher gemacht. Das klingt wahrscheinlich ziemlich platt.

Blüten im Balboa Park in San Diego.

Die Osterferien haben wir jedoch – leider aufgrund von wetterbedingten Flugausfällen deutlich verkürzt – in Kalifornien verbracht. Das waren in der Tat eindrucksvolle Tage (einmal haben wir eine Delfin-Schule von mehreren hundert Tieren erlebt)! In Los Angeles fuhren wir mit einem Elekrobus, haben Falafel gegessen und Beverly-Hills-Villen bewundert. Wir sind zum Hollywood-Schriftzug gelaufen und haben die riesengroße, chaotische Stadt von weit oben gesehen. (Ich habe mich sofort in sie verliebt.) In San Diego lag das Disney-Kreuzfahrtschiff im Hafen, es gab Henna-Tatoos auf die Haut und jeden Abend Baseballspiele im Stadion vom Hotelfenster aus zusehen. (Die Stadt hat mir persönlich – im Gegensatz zu den Meinungen der meisten anderen – allerdings nicht so besonders gut gefallen. Ich fand sie für eine kalifornische Hafen-, Militär- und Universitätsstadt so nah an der mexikanischen Grenze und mit so vielen Neubauten, abgesehen von den wunderbaren, blühenden Parks und der Architekturikone des Salk Instituts etwas langweilig und unspektakulär und irgendwie zu „weiß“.) Kalifornien mit seiner Natur- und kulturellen Vielfalt, den trubeligen Piers, Palmen, Zitronenbäumen, wunderbaren Stränden und dem Leben, dass hier soviel leichter und nachhaltiger scheint, lässt mich nun nicht mehr los: Ich möchte noch ein weiteres Mal durch LA spazieren und irgendwann auch durch San Francisco! Ich möchte Recyclingklamotten kaufen und noch mehr Kunst sehen. In Bars zu kalifornischem Pop tanzen, im Yosemite National Park wandern und durchs Silicon-Valley fahren. California is still on my mind!

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