Leprechauns, beunruhigende SMS und zwischen Hauptstädten

Die Kuppel des Kapitols ist nicht mehr eingerüstet...

Endlich wird es Frühling! Die Azaleen, Magnolien und Zierkirschen stehen in der Blüte und gestern gab es einen atemberaubenden Sonnenuntergang über East Beach. Süßer, exotischer Blütenduft hängt über der Neighborhood und es lockt wieder an den Strand. Langsam wird es auch wärmer, ich bin froh, endlich die Winterstiefel verbannen zu können. Heute morgen war es allerdings frostig kalt und ungemütlich windig, als ich an der Oceanfront in Virginia Beach anlässlich des St. Patricks Days den Shamrock Half Marathon mitgelaufen bin – zwischen gut gelaunten Leprechauns (irischen Kobolden) und grünen Tutus. Ich hatte mir extra ein paar grüne Leggings von treetribe bestellt, einer kalifornische Marke, die Workout Gear aus Recyclingmaterial herstellt. Ein tolles letztes großes Race-Erlebnis für mich in den USA! Ob es mir recht ist oder nicht – von jetzt an müssen solche und andere Events wieder in Deutschland geplant werden. Unsere Tage in diesem Land sind gezählt, unsere letzten Trips und der Umzug nehmen immer mehr Gestalt an. Vielleicht haben wir sogar bald eine Wohnung in Berlin und langsam überlegen wir schon, wie genau wir downsizen. Ein komisches Gefühl – denn obwohl ich wehmütig bin, tut es auch irgendwie gut. Es ist wie Ballast abwerfen. Wer weiß, was die Zukunft bringt, ich bin eigenartig optimistisch…

Auch das Schuljahr geht in rasanten Schritten dem Ende entgegen. Claras Führerscheinzeremonie im Jugendgericht in Norfolk war für mich so ziemlich die verrückteste bisherige amerikanische Erfahrung. Im Gerichtsgebäude waren keine Handys und Apple-Watches zugelassen und entgegen meiner Erwartungen mussten Clara und ich uns unter vielleicht 50 weitere Familien mischen, die mit ihren sehr ordentlich angezogenen Jugendlichen – teilweise in Anzug und Krawatte – den Termin erwarteten. Der Gerichtssaal hatte eher etwas von einer kleinen Kapelle an sich, außer dass es vorn keinen Altar, sondern einen langen mächtigen Tisch gab, an dem der Richter und seine Justizangestellten residierten. Bis diese allerdings erschienen, versuchte ein Sicherheitsbeamter durch kleine Witzchen, den Jugendlichen die Nervosität zu nehmen. Clara war sehr angespannt. Dann hielt der Richter beinahe schläfrig eine Rede, in der er vor der Gefahr warnte, dass der Führerschein auch ganz schnell wieder entzogen werden kann (sogar durch die Eltern) und der des Handys am Steuer. Und dann fing auch er an Witze zu machen und die Jugendlichen mussten sich in einer langen Schlange anstellen und ihnen wurde der vollgültige Führerschein ausgehändigt. Nach einer halben Stunde war alles erledigt. Teil des Lebens eines Teenagers in Virginia.

Dazu gehört leider auch die ständige Konfrontation mit tödlichen Schießereien. An Claras Schule gab es neulich eine entsprechende Drohung und ich erhielt eine SMS von ihr: „Bete, dass ich nicht sterbe. Ich liebe dich.“ Da wird man natürlich panisch und wartet in Angst auf erlösende Nachrichten. Es löste sich zum Glück alles auf. Doch Parkland ist jetzt ein Jahr her… Ob sich irgendetwas ändern wird? In einigen Bundesstaaten hat es zwar schon erste kleine Schritte und Gesetzesverschärfungen gegeben, aber für Washington ist es gewiss noch ein langer Weg. So widersprüchlich und hässlich die politische Welt dieses Landes auch ist, ganz besonders wohl in diesem Moment – immer noch beeindruckt mich, wie dicht wir da dran sind, weil wir an der Ostküste und relativ nahe an der Hauptstadt der USA zu leben. Bei einem Termin in Washington habe ich einmal den Texas-Senator Ted Cruz gesehen – in Berlin wüsste ich wahrscheinlich nicht einmal wie die Politiker alle aussehen. Und Freunde saßen neulich im selben Restaurant wie Mike Pence, der Vice President. Ich bin mir nicht sicher, ob mir mein Essen da geschmeckt hätte. Zum Glück hat die Stadt aber so viel anderes zu bieten! Vielleicht kann ich ja noch ein bisschen mehr davon abhaken, bevor es zurück in die Hauptstadt nach Deutschland geht…

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