Vor dem Frühling

Den ganzen Tag hat es geregnet und es scheint niemals wieder aufzuhören. Auf Norfolks Straßen steht das Wasser. Es ist Ende Februar und ich glaube nicht mehr daran, dass wir hier in Tidewater Virginia noch einmal richtig Schnee erleben werden. Die Kinder sind traurig, aber da es in der Regel mit schulfrei verbunden ist, weil die Schulbusse nicht fahren, bin ich nicht ganz so böse drum. Außerdem kann ich die warmen Tage kaum erwarten – selbst das schwüle Klima hier! Dann blühen nicht nur Azaleen und Crape Myrtles wieder in voller Pracht, Monarch-Schmetterlinge segeln umher und Haare und Nägel und Haare wachsen wieder gut, dann kehrt die wunderbare Strandleben-Atmosphäre nach Norfolk und Virginia Beach zurück, in der es wieder überall nach Fisch und Barbecue duftet, man auf Dachterrassen Craft Beer trinkt, Klimaanlagen dröhnen und die Menschen über Boote fachsimpeln! Flipflops-Zeit! (Man muss allerdings dazusagen, dass für einige hier, diese das ganze Jahr über herrscht. Bibber!)

Christian ist heute für ein NATO-Event nach Warschau geflogen und nächste Woche muss ich mit Clara zum Gericht. Da bekommt sie ihren vollgültigen Führerschein ausgehändigt. Eben kam sie ganz begeistert von einem Basketballspiel ihrer Schule wieder, bei dem alle bis zum Schluss mitgefiebert haben – das ist Teenagersein in Amerika. Ansonsten ist der Monat wenig spektakulär und mit dem üblichen Alltagstrubel für uns vergangen: Sleepovers, Swim Meets, bei denen amerikanische Eltern akribisch die Zeiten ihrer Sprösslinge auswerten – die Hoffnung auf das College-Stipendium, Honor-Roll-Verleihungen in der Schule, bei denen die Kinder für ihre guten Leistungen ausgiebig bejubelt werden, Autos in der Werkstatt (leider hatte ich unseren BMW eines nachts an schlecht beleuchteter Stelle so schlimm aufgesetzt, dass unser Haussegen einige Tage sehr schief hing und ich zwei Paychecks sehr umsonst gearbeitet habe) Valentinsgeschenken und einer Party, zu der alle unserer Freunde da waren. Auch wenn es für uns noch kein Abschied war, war das das letzte Mal, dass wir so in der Runde zusammenkommen konnten. Denn einige unserer deutschen Freunde werden in den nächsten Wochen bereits zurück nach Deutschland gehen. Ein komischer Gedanke. Im Briefkasten finden sich immer wieder Briefe von Colleges und Universitäten, die Clara ihren Standort und besonders günstigen Studiengebühren anpreisen. Ich bekomme dagegen regelmäßig Post von Hilfsorganisationen und Vereinen, die um Geld bitten und manchmal einen ganzen Satz kostenloser Adressaufkleber mitschicken. Da ich einmal irgendwo gespendet habe, ist mein Name offensichtlich in sämtlichen Adressdatenbanken untergebracht worden. Nun ja.

Währenddessen stimmt sich Amerika langsam in den Wahlkampf zum nächsten Präsidenten ein – auf Seiten der Demokraten häuft sich dass Kandidatenfeld. Ich bin gespannt auf die Primaries im nächsten Frühjahr. Ob Trump einen Gegner aus den eigenen Reihen bekommt? Schwer vorstellbar. Stattdessen geht der Wahnsinn dieser Regierung weiter, mit einem erklärten nationalem Notstand für den Mauerbau und beinahe täglich neuen Korruptionsskandalen. Es ist schwer auf dem Laufenden zu bleiben. Es ist Black History Month und inzwischen ist ein Jahr seit Parkland vergangen. Heute habe ich jemanden sagen gehört, dass Amerika wahrscheinlich diese Präsidentschaft brauchte, um wieder klar zu erkennen, wieviel eben nicht stimmt in diesem Land. In allererster Linie in Rassenfragen. Vielleicht kann es eine Art Korrektiv sein und danach wieder einen Schritt nach vorn gehen. In Virginia herrscht übrigens derzeit ebenso eine „Shitshow“, nachdem herauskam, dass der Gouverneur Ralph Northam im College-Jahrbuch allem Anschein nach mit einem rassistischem Kostüm abgebildet ist und weder seine Entschuldigung angemessen war noch ein Rücktritt erfolgte. Dem stellvertretenden Gouverneur wird sexueller Missbrauch vorgeworfen und der nächste in der Reihe musste sich ebenfalls rassistischer Episoden in der Vergangenheit bekennen. Dann lieber einen Republikaner an der Macht haben? Ich weiß nicht, was da das geringste Übel ist. Während die Präsidentschaftskandidaten und damit verbunden, die Healthcare-Debatte und der Green New Deal die Medien beherrschen, hofft man, dass die Trump-Präsidentschaft bald überstanden ist und vorher nicht eine wirkliche Katastrophe passiert… Es ist so gesehen gut, dass der mal mehr mal weniger aufregende Alltag und die Pläne, die man macht, hin und wieder auch von den Nachrichten ablenken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.