Wertvolle Stunden

In den Häusern in unserer Neighborhood leuchten nicht nur ab frühmorgens riesige Fernsehbildschirme, sondern seit diesem Wochenende auch Weihnachtsbäume. Die Thanksgiving Holidays sind vorüber und nun verwandelt sich unsere Siedlung langsam wieder in ein Weihnachtswunderland. Unsere Herzen schlagen höher und ich werde ein bisschen nervös: Werden wir rechtzeitig Zeit finden, unseren Baum zu kaufen und zu schmücken? Clara meckert ein bisschen – sie möchte den Christbaum erst kurz vor Weihnachten aufstellen – wie in Deutschland – und Geschenke am Heilig Abend. Ich bin jedoch nicht kompromissbereit: So können wir es für den Rest unseres Lebens machen, wenn wir wollen. Aber JETZT sind wir noch hier. Und so werden wir Weihnachten feiern auf amerikanische Weise…

Unser letztes Thanksgiving in Amerika haben wir mit schweizerischen und deutschen Freunden verbracht und einem frittierten Truthahn. Es war sehr köstlich und sehr, sehr fröhlich! Diesmal hatte ich sogar die irrige Idee, dass wir uns – ganz amerikanisch – ins Black-Friday-Shopping-Getümmel stürzen. Vergeudete Stunden! Nicht wirklich hat es geholfen, Stress bei der Besorgung der Weihnachtsgeschenke vorzubeugen; nicht wirklich hatte man das Gefühl, Schnäppchen zu machen. Wenigstens hat uns der Grinch-Film im Anschluss  auf humorvolle Art in Weihnachtsstimmung gebracht. Jedes Kind wächst in Amerika  mit den wunderbaren Dr.Seuss-Charakteren (dem Grinch, den Whos, der Cat in the Hat usw.) auf! In den 1950er Jahren sind viele der bekannten Reim-Lese-Lern-Geschichten entstanden und vor kurzem sind die Bücher noch einmal neu aufgelegt worden. Wertvolle Familienzeit also!

Wenn mir bewusst wird, wie wenig Zeit uns in diesem verrückten und lieb gewonnenem Land noch bleibt, befällt mich Kummer. Drei Jahre schienen einmal so lang. Wer konnte wissen, was sein würde? Umso wichtiger sind die wertvollen Stunden, die wir jetzt mit unseren Freunden und als Familie verbringen und mit den Bräuchen und Sitten, die uns ebenso lieb geworden sind. Vielleicht ist es so wie Paul sagt, der mit seiner Familie in Schweden gelebt hat: Vielleicht werden wir einige Angewohnheiten später nach Deutschland importieren. Und so die Erinnerung an diese drei Jahre als Familie lebendig bewahren?

Die Spendendose für Officer Bailey im Bingo Palace.

Gestern war ich wieder zum Bingo-Voluntieren für den Schwimmclub eingeteilt. Als ich die Spendendose bemerkte, die im Namen von Master Police Officer Bailey aufgestellt war, war ich sehr erschüttert. Immer hatte ich mich gefreut, wenn er am gleichen Abend Schicht in der Glücksspielhalle hatte. Im Sommer noch, als mein Auto nach der Bingonacht nicht anspringen wollte, hatte er mir freundlich seine Hilfe angeboten. Offenbar ist er vor zwei Wochen an einem Herzinfarkt gestorben. Ich schätze, er war noch nicht einmal 50. Ich weiß nichts weiter über Officer Bailey oder seine Familie. Aber er fehlt mir. Ich hätte nie gedacht, dass mir die nervigen Bingo-Arbeitseinsätze einmal wie wertvolle Stunden vorkommen würden…

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