Novemberblau

Um es vorweg zu nehmen: November is my least favorite month – ich kann den November nicht leiden!  Hier in Coastal Virginia haben wir ihn jedoch bisher immer mit relativ vielen klaren, warmen Sonnentagen erlebt und das stimmt mich milde. Außerdem hat inzwischen endlich ein schöner Indianersommer eingesetzt und die Bäume in unserer Neighborhood leuchten in prachtvollen  Rottönen. Ansonsten schlagen mir aber die deutlich kürzer werdenden Tage, das bevorstehende Jahresende, die Weihnachtsartikel in den Supermärkten und gelegentlicher ungemütlicher Nieselregen etwas auf’s Gemüt. Ich mag noch gar nicht an den nächsten Herbst in Potsdam denken, wenn zu all dem noch Kälte hinzukommt und die Uhren sogar noch zwei Wochen früher umgestellt werden als hier. Genauso wenig brauche ich Strickpullis, Glühwein und Zuckergebäck. Die heimwehleidigen deutschen Damen, die sich nach derartiger Landhaus-Romantik hier sehnen, kann ich daher nur fragend anschauen. Can’t relate. Clara fliegt mit ihrer Freundin in ein paar Wochen nach Miami – Sweet-Sixteen-Party in South Beach – die Glückliche! Ich bin ein bisschen neidisch :-).

Der Oktober mit unserer Gasttochter Paula ist im Handumdrehen vorbeigegangen. Wir haben Philadelphia besucht und waren im Shenandoah Nationalpark wandern. Es gab Schulveranstaltungen, Shopping-Touren, viel Fast Food, Jungs-Gespräche (:-)) und Football.  Ich bin meinen ersten Halbmarathon gelaufen und war in Washington beim Nick-Cave-Konzert, bei dem meine derzeitige, absolute Lieblingsband Cigarettes after Sex als Vorband aufgetreten ist! Vermutlich DIE Jahreshöhepunkte für mich. Halloween, das bei uns in der Neighborhood immer ein Erlebnis und nun leider unser letztes hier gewesen ist, haben wir mit meinem Freund Paul und seiner Familie gefeiert, die aus Österreich zu Besuch waren…

Konzert im The Anthem in Washington, D.C.

All dies der Vorabend der Midterms – der Kongresswahlen, die am vergangenen Dienstag stattgefunden haben. Die Wochen davor glichen einem quälenden und beängstigenden letztem Marsch nach mehr als zwei Jahren täglicher beunruhigender Schlagzeilen. Diejenigen, mit denen ich mich darüber unterhielt oder Podcaster, denen ich folge, fragten sich nervös: Wird es etwas ändern? Werden genug Menschen zur Wahl gehen? Und was, wenn nicht? In den Wochen vor der Wahl gab es Paketbombenangriffe auf Politiker und Medienorganisationen und ein Massaker in einer Pittsburger Synagoge. Und schon lange ist das politische Klima im Land  – galvanisiert durch Trump – aufgeheizt, extrem polarisiert und wieder unverblümt rassistisch. Vor einer vermeintlichen Invasion einer feindlichen Karawane aus Südamerika wurde Angst geschürt und Soldaten wurden zur Mexiko-Grenze entsandt. Zum Glück sind wir am Mittwoch nicht mit der Aussicht auf einen autoritären Staat aufgewacht (und von der Karawane wurde nicht mehr viel geredet).

Ich habe gelesen, dass die Wahlbeteiligung für eine Midterm-Wahl auf einem Jahrzehnte-Rekordhoch lag. Vor allem bei jungen Menschen. Clara sagt, auf ihrem Social Media ging es seit Monaten um nichts anderes als die Wahl. Radioshows sowie Facebook und Co. erinnerten ständig daran, wählen zu gehen und sogar der Thriftstore (Second-Hand-Haushaltsladen) um die Ecke warb mit Rabatten für Wähler. Die Kampagnen der Kandidaten hatten unheimlich viele freiwillige Helfer angezogen und – vor allem auf Seite der Demokraten – weitreichende finanzielle Unterstützung aus der Bevölkerung erhalten und nicht von Konzernen. Geld ist in amerikanischer Politik wichtig. Beeindruckend und inspirierend war der Aktivismus und das ungebrochene Engagement – wochenlang bekam ich Anrufe, Emails und SMS. Und die Auftritte des charismatischen Beto O’Rourke in Texas hatten etwas von der ehemaligen Obama-Energie. Wenn Trump vielleicht eines erreicht hat, dann, dass viele Menschen hier nun viel mehr Anteil an Demokratie genommen haben und sich bewusst geworden sind, wie angreifbar diese ist. Auch ich – obwohl ich kein amerikanischer Staatsbürger bin – war eigenartig aufgeregt angesichts der „I Voted“-Sticker meiner Kollegen am Dienstag.

Mit dem Einzug auch einer Vielzahl an Frauen aller Hautfarben und Hintergründe – unter ihnen Veteraninnen, Kellnerinnen, Native Americans und Muslim-Americans – spiegelt das Repräsentantenhaus nun zum ersten Mal in der Geschichte die Bevölkerungsstruktur und Diversität dieses Landes wieder. Es bleibt zu hoffen, dass mit der demokratischen Mehrheit nun endlich eine wirkliche Kontrolle und Aufsicht über das Präsidentenamt stattfindet… Einige der extrem rechten Kandidaten sind nicht gewählt worden (einige aber leider doch). In mehreren Bundesstaaten sind Legislaturen und Gouverneursämter am Dienstag von „rot“ (republikanisch) auf „blau“ (demokratisch) gewechselt worden und wichtige Abstimmungen, u.a. über die Vereinfachung des Wahlrechts und die Erweiterung der Krankenversicherungsunterstützung Medicaid haben stattgefunden. Wie immer wieder deutlich wird, sind der Lebensstandard und  persönliche Entfaltungsmöglichkeiten in Amerika sehr stark davon abhängig, wo man lebt…

Norfolk, Granby Street.

Das Novembergrauen ist zunächst einem blauen Himmel gewichen. Ich kann wieder besser schlafen und vergesse, dass ich den Monat eigentlich nicht leiden kann. Und bald ist Thanksgiving.

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