März-Schmerz und nach Süden!

Der März war launisch und hastig. Er fing mit früh blühenden Magnolien, Mandelbäumen und Narzissen an. Und an einem herrlich klaren und frühlingsversprechenden Sonntagmorgen nahm ich mit einer Freundin an einem 8-Kilometer-Lauf am Hafen in Newport News teil. Die Nationalhymne wurde vom Blechblas-Ensemble der örtlichen High School vorgetragen. (Dieser obligatorische Moment vor jeder Sportveranstaltung bewegt mich immer sehr – ein starkes Gemeinschaftsgefühl vor dem Wettkampf. Ich glaube, ich sollte nun endlich den Text der Hymne richtig lernen!) Die Saison hat begonnen und ich habe mich offensichtlich mit der amerikanischen Laufsportbegeisterung infiziert. Jedes Stadtfest, jeder Spendenzweck und jeder Feiertag bietet nun Anlass, einen Marathon auszurichten. Kurzzeitig hatte ich die irrige Vorstellung, vielleicht noch während unseres Amerika-Aufenthaltes in Boston oder New York dabei zu sein. Das hätte auf der To-Do-Liste abgehakt bestimmt ziemlich cool ausgesehen! Ein Blick auf die Teilnahmebedingungen hat mich jedoch schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: Die Latte hängt ein bisschen zu hoch. Aber vielleicht schaffe ich es ja, den Krabben- oder – im grünen Tutu – den nächsten Shamrock-Halbmarathon mitzulaufen :-)?

Die erste Frühlingsluft war geschwängert mit Fischgeruch und allerlei Erwartungen. Doch dann hat ein Nor’easter (ein von Nord-Osten kommender Wintersturm) die Ostküste heimgesucht. Hier im Tidewater Virginia fielen zum Glück nur ein paar vereinzelte Schneeflocken, jedoch war es tagelang stürmisch, frostig und trüb. Ich konnte mich nicht mehr dazu durchringen, den Wintermantel noch einmal aus dem Schrank zu holen und freute mich insgeheim, die iPhone-Erinnerungen an Gartenarbeit und Fensterputzen (das Herunterwaschen der Salzschichten vom letzten Jahr) mit gutem Gewissen immer wieder wegklicken zu können. Doch die sonnenarmen Tage ließen zu viele trübselige Gedanken zu: Unser Abschied von Virginia rückt näher…

My gorgeous gigantic new Easter Wreath!

Schon fast vollständig haben wir das bisschen mehr als ein Jahr, das uns noch in Amerika verbleibt, verplant. Die Kinder fangen jetzt an, Deutschunterricht nachzuholen. Doch bis auf Clara, die sich auf ihre Freunde und Schule in Potsdam freut, möchten wir gar nicht so gerne wieder zurück. Wir fühlen uns zuhause hier; es kommt inzwischen vor, dass man irgendwo in der Stadt unverhofft Bekannte trifft. Und seitdem es mit Christians Gesundheit wieder aufwärts geht und ich regulär arbeite (es macht mir Spaß und ich bin immer noch angetan von meinem Chef, den Arbeitsbedingungen und den Projekten des Architekturbüros) erleben wir wieder einen normalen Alltag. Wir werden gefühlt immer mehr Teil der hiesigen Gesellschaft und Clara hat vielleicht nicht ganz unrecht, wenn sie sich darüber „beschwert“, dass wir zu „amerikanisch“ werden: Ich habe gerade eben ein Vermögen für einen überdimensionierten Osterkranz ausgegeben – ich weiß nicht einmal, ob er nachher in Deutschland an unsere Tür passt :-). Ich habe einen Kloß im Hals, wenn ich daran denke, mich bald ernsthaft mit unserer Rückkehr beschäftigen zu müssen. Für mich persönlich kann es da, wo wir in Werder aufgehört haben, nicht mehr wirklich weitergehen. Es wäre ein schöner Schuh, den man einmal sehr gerne getragen hat. Aber er passt nicht mehr. Wir sind im nächsten Jahr an einem anderen Punkt in unserem Leben. Die Kinder sind größer und werden wahrscheinlich neue, zweisprachige Schulen besuchen. Christians zukünftige Arbeitsstelle steht noch nicht fest und ich weiß nicht einmal, ob wir uns nach der Zeit hier noch an Haus und Garten binden möchten? Ich habe außerdem den Verdacht, ein neues „Projekt“ – ein Wohnortwechsel – wird helfen, den Kummer über das Ende unseres Virginia-Intermezzos, zu verwinden. Doch man wird sehen, noch ist ja ein bisschen Zeit… Jetzt ist 2018 und erst einmal Frühling! Endlich ist es warm geworden und seitdem wir wieder Daylight Saving Time haben (die Uhren werden in den USA übrigens zwei Wochen früher als in Deutschland umgestellt) sind die Tage wieder so wunderbar viel länger! Ich freue mich schon auf das erste Barbecue und Gathering (Zusammensitzen) mit unseren Nachbarn in der Alley hinter der Garage.

Heiners deutsch-amerikanischer Soccer Cake zur Feier seines Citizenships.

Doch auch im März gab es bereits einige Anlässe, um zu feiern und mit alten und neuen Freunden zusammenzukommen: Die Oscar-Verleihungen, der abenteuerliche Reise-Bericht unserer wundervollen Nachbarn Sue und Mike von Las Vegas, wo Sues kürzlich verschiedener Bruder unter merkwürdigen Bedingungen gelebt hatte (sie hat ihn in einer Urne mitgebracht) und die East-Beach-St.-Paddy’s-Day-Party. (Der Irische Nationalfeiertag wird hier in Norfolk sogar mit einer großen Parade am Ocean View gefeiert – dort haben sich nämlich u.a. irische Einwanderer niedergelassen – Iren arbeiteten früher übrigens oft als Hausangestellte – auch bei Frank Lloyd Wright :-)). Sowie Heiners Citizenship-Fest. Heiner lebt seit über zehn Jahren in den USA. Seine amerikanische Frau Amy ist sehr lustig und Professorin für jüdische Wissenschaften. Sie spricht akzentfrei Deutsch (!) und ist durch einen dummen Visums-Fehler während der 9/11-Nachwehen seit Jahr und Tag auf „Bewährung“. Sprich, an jedem Flughafen wird sie besonders ausführlich durchsucht und vom Grenzschutz einzeln ins Flugzeug eskortiert! Die Geschichte ist eigentlich ja bitter aber ziemlich komisch, wenn Amy sie erzählt. Für Heiner waren die aktuell ziemlich unruhigen Zeiten in Amerika und die schwer voraussehbare Zukunft Grund, jetzt endlich die Staatsbürgerschaft zu beantragen…

Vor dem March for Our Lives in DC…

Denn beunruhigend sind nach wie vor die täglichen Nachrichten aus Washington – es beschäftigt mich so sehr, dass ich eigentlich kaum noch Schlagzeilen aus Deutschland verfolge. Um ein bisschen Sinn in dem gefühlten Chaos und Trost für die anhaltenden unterschwelligen Ängste zu finden, bin ich zum Comedy-, Podcast- und Talkradio-Junkie geworden. Kluger Humor ist heilsam und hoffnungsgebend – so ähnlich hält es wohl auch Amy mit ihrer deprimierenden Reisesituation. Immer wieder beeindruckt mich der ungetrübte Optimismus der Amerikaner und die Fähigkeit, selber anzupacken und aus schwierigen Situationen etwas Fruchtbares zu machen: Nach dem Wallstreet-Crash in 2008 gab es viele junge Menschen, die kleine kreative Start-Ups gegründet haben. In dem einen Jahr der Trump-Präsidentschaft, in der die (amerikanische) Gesellschaft irgendwie aus den Fugen geraten zu sein scheint und in dem der republikanische Kongress seiner Aufsichtsrolle so gut wie nicht nachkommt, haben sich mehr denn je Frauen für die Wahl in lokale und bundesweite politische Ämter aufstellen lassen, haben viele Bewegungen und Organisationen für soziale und ökologische Themen Auftrieb bekommen und haben sich, während große Medien mit Fake-News-Beschimpfungen kämpfen, eine Vielzahl an kleinen News-Outlets und informativen Podcasts gegründet. Letztes Wochenende sind Marta, Greta, meine Freundin Silke und ich tatsächlich sogar beim March for our Lives in Washington D.C. dabei gewesen. Und es hat sich in der Tat angefühlt wie ein Stück bedeutende Geschichte: Die Pennsylvania Avenue war packend voll mit Menschen, die bestimmt und optimistisch für verschärftere Waffengesetze demonstriert haben. Teilweise waren sie von sehr weit her angereist (wir haben zum Beispiel einen Amerikaner, der in Deutschland arbeitet und extra für den Marsch in die USA geflogen war, getroffen). Es ist Vielen ein wichtiges Anliegen und so gab es „Schwester-Märsche“ in den ganzen Vereinigten Staaten und weltweit. Kirchengemeinden und Restaurants verteilten kostenlos Lunchpakete an die Teilnehmer. Filmstars und Musiker unterstützten die Veranstaltungen. Das Engagement und die Reden der „Parkland-Kids“ (der High-School-Schüler, die das Valentinstagsshooting überlebt und die Veranstaltungen organisiert haben) waren sehr berührend und Mut machend und nach dem March bleibt nun doch das hoffnungsvolle Gefühl, dass sich diesmal etwas ändern wird. Denn Lock-Down-Drills in Schulen sind ätzend und beängstigend.

Plakat beim March for Our Lives.

Während der Veranstaltungen wurden unter anderem Wählerregistrierungen durchgeführt und einige States-Governments haben schon kleine Gesetzesänderungen vorgenommen. Wirklich inspirierend! Natürlich gibt es immer noch genug Unverbesserliche und die Kids müssen sich leider gegen viele Social-Media-Attacken wehren aber vor Parkland wäre so ein Anfang wohl nicht denkbar gewesen… Was mich an der ganzen Sache am Rande besonders fasziniert hat: Es war alles unheimlich gut organisiert, bis zur letzten Dixie-Toilette. Es war friedlich und artete nicht in Gewaltaktionen aus, wie man sie traurigerweise oft bei Demonstrationen in Europa erlebt. Gerade heute habe ich dazu im Radio gehört: Es führt nicht weiter und geht nicht darum, wütend zu sein! Es geht jetzt darum, den Rückenwind des Moments auszunutzen und sich für eine Sache, die einem wichtig ist, einzusetzen. Ich weiß, warum ich Amerika liebe!

Vorm Newseum auf der Pennsylvania Avenue.

Und jetzt sind wir auf dem Weg zu „Americas Best Idea“. So nennt Ken Burns seine wunderbare Dokumentation über die Nationalparks und ihren demokratischen Gründungsgedanken (von allen Ämtern in einem Land, in dem man zu viel Government eher kritisch gegenübersteht, ist der National Park Service die allgemein respektierteste und unterstützteste Institution)… Wir fahren zu den Everglades nach Florida! Heute, zum Karfreitag, hatten die Kinder ihren letzten Schultag vor den Osterferien und ich war noch arbeiten – es ist kein offizieller Feiertag in den USA. Das fühlt sich schon ein bisschen komisch an, wo mir doch der Karfreitag immer so „heilig“ war. Eine lange Autofahrt steht uns noch bevor aber wir freuen uns auf Disney und vor allem auf die Sonne im Sunshine State! Nachdem uns im letzten Jahr an den Niagarafällen nachts im Wohnmobil ziemlich die Zähne klapperten, haben wir uns geschworen, die diesjährige Spring Break auf jeden Fall im Süden zu verbringen!

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