Elsas Abschied, Dorys Zuversicht, McQueens Freiheit und die Wirklichkeit

Mein Beitragstitel ist diesmal, wie es aussieht, deutlich Disney-orientiert :-)! Ja, wir planen nun endlich, diesen wichtigen Punkt auf unserer To-Do-Liste abzuhaken und in den Osterferien nach Orlando in die Walt Disney World zu fahren! Es ist nicht gerade ein Schnäppchen und deshalb haben wir es immer wieder verschoben. Daher ist mir auch völlig unverständlich, warum so viele amerikanische Familien, statt ihren wenigen Urlaub anderswo in diesem wunderschönen Land zu verbringen, gefühlt jedes Jahr ins Disneyland fahren. Aber ich habe gehört, es gibt auch Zahlungspläne dafür. Wenn man sowieso ein Leben lang in Schulden lebt, spielt das vielleicht keine Rolle mehr. Und die Disneywelt ist zugegebenermaßen schöner als so oft die Wirklichkeit…

Die Tage, die unsere Kinder in diesem Jahr schon in der Schule waren, lassen sich so ziemlich an einer Hand abzählen. Vor zwei Wochen brachte ein Blizzard Elsas Winterwonderland nach Norfolk und die Schulen waren sechs Tage am Stück (!) geschlossen. Zwischendurch hatten wir einen Feiertag. Und dann gab es letzte Woche noch einmal zwei Tage Schnee und Eis und schulfrei, weil man in den Hampton Roads nicht sonderlich gut auf Wintereinbrüche vorbereitet ist. Die Schulbusse können in diesen Fällen die Kinder nicht sicher transportieren. Es ist sicher vernünftig, jedoch frage ich mich, ob die hiesigen Kommunen, in Anbetracht des in Zeiten des Klimawandels verrückt spielenden Wetters, langsam mal über die Anschaffung zusätzlicher Schneeräumfahrzeuge nachdenken sollten. Vielleicht tun sie es ja. Unsere Nachbarin Katie musste, da in den Tagen auch die Tagesbetreuung ihrer einjährigen Tochter nicht offen hatte, leider eine ganze Menge Überstunden verbraten. (Und bei im Normalfall 15 Tagen bezahltem Urlaub ist das schon ärgerlich.)

Nun hat uns aber der Alltag wieder und diese Schulwoche fing schon einmal vielversprechend an; am Dienstag gab es 21 Grad und wenn morgens beim Laufen der Himmel strahlend blau ist und die Sonne scheint, beginnt auch der Tag vielversprechend! Jetzt haben wir allerdings wieder recht frostige Temperaturen – das typisch wechselhafte Winterwetter in Coastal Virginia schöpft aus dem Vollen! An Claras High School laufen die Midterm Assessments (Schuljahreszwischenprüfungen) und das Orchester bereitet sich auf den nationalen Wettbewerb vor. Greta wird im nächsten Schuljahr mit der 6. Klasse offiziell in die Middle School eintreten. Es wird zwar nicht mit einem Schulwechsel verbunden sein, da ihre Schule, die Academy for Discovery at Lakewood Elementary School (Grundschule) und Middle School abdeckt; wegen des dort geführten IB-Programms muss Greta jedoch noch ein Essay verfassen, um „übernommen“ werden zu können. Neben einigen, wie ich finde, sehr positiven Lehr- und Lernansätzen (Misserfolge bewältigen, eigenständig und komplex denken lernen usw.) zeichnet sich der Unterschied zur „normalen“ amerikanischen Mittelstufe unter anderem dadurch aus, dass keine Multiple Choice Tests durchgeführt werden. (Clara an der High School ohne IB-Programm ist zum Beispiel wieder im Genuss dieser, was zum Beispiel in Mathe ja schon irgendwie ein bisschen fragwürdig ist.)

Die Goodwill Center sind Thrift Stores (Second-Hand-Läden), wo Menschen (zum Beispiel ehemalige Häftlinge) eine zweite Chance bekommen, indem sie dort arbeiten. Dieser hier ist gut besucht, man findet sogar ungetragene Designermode für einen ganz kleinen Preis.

Gerade hat die amerikanische Regierung einen mehrtägigen „Government Shutdown“ überwunden, der dem Streit um den Umgang mit den sogenannten Dreamers (Menschen, die im Kindesalter illegal ins Land gebracht wurden und seitdem hier geduldet werden sowie ganz normale Ausbildungen durchliefen und Karrieren und Familien haben) und der Finanzierung des Haushalts und des Kinderkrankenversicherungs-programms folgte. Als durchschnittlicher Amerikaner, wenn man nicht gerade regelmäßig auf Twitter unterwegs ist, einen Job im Militär oder öffentlichen Dienst hat oder am vergangenen Wochenende einen der Nationalparks besuchen wollte (die dementsprechend geschlossen waren), wird man davon jedoch kaum etwas mitbekommen haben. Mir konnte man in der Social Security Administration (Sozialamt) in der Zeit auch nicht weiterhelfen, allerdings war es angenehm, einmal nach so gut wie keiner Wartezeit, dort wieder heraus zusein :-). So musste ich aber an einem anderen Tag noch einmal hin, denn meine beantragte Sozial-versicherungskarte ist bisher immer noch nicht angekommen. Da ich von kaum einem anderen in unserer deutschen Community von derartig langwierigen Prozessen bei der Ausstellung von Führerschein, Arbeitserlaubnis und eben der Social Security Number gehört habe, glaube ich nun wirklich langsam, dass sich der deutsche Verkehrsgott damit bei mir für meine Fahrsünde kurz vor unserem Umzug nach Amerika rächt. Oder so :-(.

Jedenfalls ist es wahrscheinlich in keinem Land der Welt besonders schön, den Tag im Sozialamt zu verbringen. In Amerika ist das, wie so vieles, aber noch einmal ein ganz spezielles Erlebnis. Zum einen sorgen, wie in allen Behörden bzw. öffentlichen Gebäuden, gelangweilte und fett bewaffnete Sicherheitsbeamte für das artige Anstellen und Warten der Besucher und das nicht Übertreten bestimmter farbiger Linien auf dem Fußboden (welche den Sicherheitsabstand zum Sachbearbeiter und so ziemlich den einzigen Datenschutz des Bürgers darstellen). Zum anderen fällt auf, dass die große Mehrzahl der Wartenden, schwarz sind. Vielfach sind es junge, extrem übergewichtige Mütter mit langen, grellfarbigen Fingernägeln, extremen Slang und kleinen, extrem lebhaften und niedlichen Kindern. Im Radio hörte ich neulich eine Ratgebersendung zur Altersvorsorge. So eine Art gesetzliches Sozialhilfeminimum gibt es zwar, aber die Ideologen des Landes streiten natürlich darüber, in welchem Maß der Einzelne selber Verantwortung übernehmen und Rücklagen fürs Alter bilden muss und kann. Viele Arbeitgeber in professionellen Bereichen bieten Vollzeitkräften Rentenpläne an und in Stellenausschreibungen wird dies auch immer entsprechend angepriesen. Einer der Anrufer in der Sendung vertrat wie offensichtlich viele Amerikaner die Ansicht, dass er bis zum Tod arbeiten gehen und müssen wird. Es leuchtet natürlich jedem ein, was auch die Fachfrau im Radio erklärte: Dieses Szenario ist in Wirklichkeit sehr unrealistisch – man könne schließlich nicht wissen, ob man im Alter noch einen Arbeitgeber hat oder wie es um die eigene Gesundheit oder die des Partners bestellt sein wird. (Ebenso sagte sie, dass es für die meisten Menschen unrealistisch ist, von Beginn des Berufslebens an ausreichend zurückzulegen und empfahl dem Hörer einige andere Wege, die ich mir jedoch nicht gemerkt habe.) Vielleicht klingt das hier ein bisschen öde; ich aber sauge all diese Sachen immer wieder interessiert auf. Ich hoffe, irgendwann damit dieses Land besser verstehen zu können…

Unser Nachbar Chuck, der bei der NASA in Langley angestellt ist, versucht auch deshalb das Haus in East Beach zu verkaufen, damit er, wie er sagt, Aussicht auf einen Renteneintritt in absehbarer Zukunft hat. Dass die Sozial- und Krankenversicherungssysteme nur dürftig in den USA funktionieren, wird mir auch immer wieder vor Augen geführt, wenn ich lese, dass die Lebenserwartung der Menschen hier im Vergleich zu anderen Industrienationen deutlich geringer ist. Grundsätzlich beeindruckt mich jedoch aber die amerikanische, wenn man so will puritanische Mentalität, zumindest theoretisch, mit einem strebsamen Leben bis ins hohe Alter zu rechnen (wenngleich es auch für viele ein Mangel an Alternativen sein mag). Aus Deutschland kenne ich das allenfalls von Selbständigen. Vielleicht erscheint aber auch nur mir als noch einigermaßen junger Mensch, dessen Zipperlein sich noch in Grenzen halten und der bisher eigentlich immer das Glück von abwechslungsreichen und erfüllenden Tätigkeiten hatte, eine Rente mit Anfang 60 als nicht besonders erstrebenswert. Es ist bestimmt sehr subjektiv.

Swim Meet an der Old Dominion University.

Neulich ging mir das Motto von Doktorfisch Dory (aus Findet Nemo) durch den Kopf: „Einfach schwimmen, schwimmen, schwimmen!“. Wie passend, dachte ich, in diesem Leben hier! Ich bin gut gelaunt, weil die Sonne scheint. Und weil sich für mich nun doch einige Türen zu öffnen scheinen, an denen ich lange gekratzt habe. Ich habe gelernt, dass hier vieles einfach viel Zeit braucht (vielleicht mehr als zuhause, vielleicht auch nur deshalb, weil ich hier in einer anderen Situation bin als zuhause). Enttäuschungen muss man verschmerzen und einfach, nun ja, eben schwimmen.

Und es ist auch wörtlich zu nehmen – ich habe das vergangene Wochenende in der Universitäts-Schwimmhalle verbracht – Greta hatte ihren ersten Wettkampf! Ich muss dazusagen, dass wir in Deutschland niemals Fußballeltern und auch anderweitig nur minimal in die Sportaktivitäten unserer Kinder eingebunden waren. So war es für mich vielleicht besonders spannend, den Ablauf und die Ernsthaftigkeit eines amerikanischen Schwimmwettkampfs mitzuerleben. Ich war beim Back-up-Zeitstoppen eingespannt und habe nasse Füße bekommen. Und am Anfang wurde natürlich, wie vor allen Sportveranstaltungen, die amerikanische Nationalhymne gesungen. Es würde mir inzwischen wahrscheinlich fehlen – ich überlege, nun langsam mal den Text zu lernen. Ich habe jetzt sogar eine App auf dem Handy, mit der ich die Zeiten und Fortschritte meines Kindes verfolgen kann. Der Schwimmcoach trägt da außerdem mit grünen Häkchen ein, wann das Kind beim Training war. Das sieht bei uns allerdings ziemlich rot aus… Bis Greta im Frühling in ihrer richtigen Altersgruppe trainiert, sind wir ja noch vom Voluntieren bei Bingo-Abenden, welche einen Großteil der Einnahmen für den Schwimmverein generieren, ausgenommen. Letztens habe ich beim Familientag in Martas Grundschule jedoch zum ersten Mal selber Bingo gespielt – ich hätte nie geglaubt, dass mir das wirklich Spaß macht (ich habe sogar zweimal gewonnen!).

Oscar-Filme im wunderschönen nostalgischen Naro Theater in Norfolk.

Im Foyer lagen gespendete Mäntel – zum Mitnehmen für bedürftige Familien. Es beeindruckte und betrübte mich gleichzeitig. Wie ich schon einmal erwähnt habe, ist es ja eher untypisch, dass unser privilegiertes East Beach in einem Schulbezirk liegt, in dem andererseits viele arme Familien leben. African-Americans und Hispanics sind es vorwiegend. Kürzlich war Martin-Luther-King-Day. Der US-Präsident gibt unverblümt rassistische Äußerungen von sich. Manche behaupten, in Zeiten der Obama-Regierung wäre die Spaltung Amerikas (bezüglich der Hautfarbe) wieder besonders vorangetrieben worden. Ich weiß das nicht. Die Oscar-Verleihungen rücken näher und es wird sehr viel über schwarze Schauspieler, Drehbuchautoren und Regisseure geredet. Vor kurzem hat mir jemand erzählt, dass sich das Stadtbild von Washington D.C. seit den 1990er Jahren extrem gewandelt hat. Damals war es anscheinend noch das optische Überbleibsel der Rassenunruhen der 60er Jahre gewesen. Das war mir gar nicht so bewusst. Unsere Kinder unterscheiden bei der Auswahl ihrer Freunde natürlich nicht nach der Hautfarbe. Vielleicht haben wir es insgesamt einfacher, dahingehend unbelastet sein, weil wir die Kultur und Geschichte dieses Landes nicht in der Muttermilch hatten…

Bei aller Hässlichkeit, fällt es mir dennoch immer schwerer, Amerika nicht schön zu finden und nicht toll: Es hat ebenfalls eine Weile gedauert, aber nun hat Clara erkannt, dass es durchaus cool und vor allem sehr nützlich ist, einen Führerschein zu haben. Mit 15 einhalb Jahren kann sie hier in Virginia anfangen, fahren zu lernen! Es ist außerdem mit deutlich weniger Aufwand und Kosten verbunden als in Deutschland. Eine aufregende Zeit für uns alle! Und eine bevorstehende große Freiheit für sie…

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