Festgefrorene Zeit

Über die USA-Ostküste macht sich zurzeit ein Blizzard her und so fällt heute und möglicherweise auch morgen die Schule aus. Eine unerwartet kurze Woche und ein langes Wochenende! (Es wird wie im letzten Jahr allerdings seinen Preis haben – irgendwann wird Norfolk Public Schools Brückentage streichen und die ausgefallenen Schultage nachholen lassen.) Unsere halbe Neighborhood hat keinen Strom und in unserem Haus geht daher die Heizung auch nicht. Ohnehin hat sie sich bei den frostigen Temperaturen der letzten Tage eher divenhaft verhalten – es wurde nur in den oberen Etagen warm. Wieder einmal haben wir die undurchdachte Haustechnik, den zugunsten einer fancy Kristallkugel-Leuchte abmontierten Deckenventilator im Wohnzimmer (den wir eigentlich Sommer wie Winter dringend bräuchten, um einen vernünftigen Luft- und Temperaturwechsel zu erzeugen) und die quasi nicht vorhandene Hausdämmung verflucht. Vorgestern hatten wir morgens eine eingefrorene Wasserleitung. Christian hat übrigens auch gerade etwas unwirsch feststellen müssen, dass jemand die Motorkontrollleuchte im Chevrolet ausgebaut hatte. In Amerika geht immer solange alles gut, bis es eben nicht mehr geht… 

Der Schnee bringt das Leben in Norfolk (und vermutlich auch anderen Ostküstenstädten) nun also gerade etwas zum Stillstand. Eigentlich passt mir das gar nicht, denn nach den Festtagen und mit dem Beginn des neuen Jahres war ich voller Tatendrang. Nun aber Zwangsruhigstellung, Winterspiele und erneute Familien- und Besinnungszeit :-).

Eislaufen bei fast 20 Grad Celsius am 23. Dezember in Colonial Williamsburg.

Das alte Jahr verabschiedete sich, neben dem politischen Spektakel um die unsägliche neue Steuergesetzgebung der Republikaner (immerhin wurden – was mich persönlich bewegt hat – die für die Denkmalpflege wichtigen Federal Historic Tax Credits beibehalten), mit vielen Christmas-Partys und einem gemütlichen ruhigen Weihnachten zu fünft (die Geschenke hat Santa selbstverständlich erst am 25. Dezember morgens gebracht). Es ging für uns außerdem mit einer Reise nach Tennessee und Kentucky, einem ebenfalls sehr ruhigen Silvesterabend (abgesehen vielleicht von großen Städten wie New York gibt es in Amerika Feuerwerke eigentlich nur zum Independence Day – dann aber richtig :-)) und vielen Hoffnungen auf ein gutes und mit positiven Entwicklungen gefülltes Jahr 2018 zu Ende…

Weihnachtliches Colonial Williamsburg.

Aber: Trump ist immer noch amerikanischer Präsident (hoffen wir, dass die Midterms im November eine neue Balance im amerikanischen Kongress erzeugen). Immer noch ärgert mich die Spießbürgerlichkeit in unserer East Beach Neighborhood (und gleichzeitig freut mich die Hilfsbereitschaft – wer keinen Strom und kein Wasser hat wird zu den Nachbarn eingeladen), immer noch werden meine Geduld und Anpassungsfähigkeit auf die Probe gestellt (Die Mitarbeit in einem Architekturbüro, auf die ich mir vor Weihnachten große Hoffnungen gemacht hatte und kaum erwarten konnte, wird sich wohl doch noch verzögern. Ich versuche die erneute Enttäuschung runterzuschlucken und es positiv zu sehen: Immerhin bin ich so erstmal noch flexibel und kann mich mehr auf meine anderen Projekte konzentrieren.)…

Dachdetail am Biltmore Estate, Asheville, NC.

Schon auf unserem nachweihnachtlichen Roadtrip hatten wir das Vergnügen von winterlicher Eiseskälte und einer zweistündigen Fahrt durch einen Schneesturm auf dem Rückweg durch West Virginia. Aber wieder konnte ich feststellen, wie wichtig das Reisen ist, um unerwartete Entdeckungen zu machen und die Dinge aus einer anderen Perspektive betrachten zu können! Zunächst hatten wir es endlich geschafft, das berühmte Biltmore Estate in Asheville, North Carolina auf unserer Checkliste abzuhaken. Einen Tag lang haben wir uns dort von dem Gefühl beeindrucken lassen, wie es ist, ein Adliger – ähm, ich meine ein wohlhabender Industrieller im Amerika des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts zu sein: George Vanderbilt, ein Kunstsammler und Spross einer im Eisenbahngeschäft reich gewordenen Unternehmerfamilie, hat sich das riesige, schlossartige Anwesen durch den Architekten Richard Morris Hunt und den Landschaftsarchitekten des Central Park, Frederick Law Olmsted, errichten lassen. Inspirationen holten sich die drei Herren natürlich auf Europareisen und so ist das bauliche Ergebnis eine Art Best-of-Sammlung verschiedener Zeiten und Stile. Und gleichzeitig ein modernes Haus der 1890er-Jahre mit Kappendecken und allerlei Extravaganz und Annehmlichkeiten, wie einem Indoor-Pool, eine Bowlingbahn und Toiletten. Wenn ich es mir recht überlege, scheint diese Art sich zu repräsentieren in vielen Fällen sich auch im heutigen Amerika sich nicht allzu sehr geändert zu haben…

Erste Indoor-Bowling-Bahn. In der Zeit musste ein Diener allerdings die Duck-Pins wieder aufstellen.

Die Vanderbilt-Familie war übrigens sozial sehr engagiert und sogar die spätere First Lady Jacky Kennedy stand in einem Verwandtschaftsverhältnis zu ihr – sie trug nämlich den Schleier der Vanderbilts bei ihrer Hochzeit. Als Christian und ich hitzig darüber diskutierten, ob es nun eigentlich besser sei, ein Schloss als Mitglied einer europäischen Adelsfamilie errichtet zu haben oder als vermögende amerikanische Privatperson, mischte sich ein neugieriger, junger Amerikaner in fast perfektem Deutsch in unser Gespräch ein :-).

Stadtsilhouette von Nashville, TN mit dem berühmten Ryman’s.
Im Johnny Cash Store in Nashville.

Nashville, Tennessee, die Country-Music-Pilgerstadt hat uns natürlich begeistert. Nashville ist, wie uns der Shuttle-Fahrer berichtete, in den letzten Dekaden extrem gewachsen und modern geworden und hat sich zudem als Standort der Gesundheitsbranche entwickelt. Wie in vielen amerikanischen Städten hat man es irgendwann verstanden, einem vernachlässigtem Downtown neues Leben einzuhauchen. Aber wie toll muss es vor allem sein, in einer Stadt zu leben, in der immer und überall Musik gespielt wird (ganz viel live und nicht nur Country) und Leute mit Instrumentenkästen und Verstärkern im Gepäck zum Straßenbild gehören? Wie aber eben auch die Obdachlosen auf dem belebten Platz unweit des Luxushotels und der nichtvorhandene Personennahverkehr…

In Kentucky.

Und Kentucky? Ist nah dran, mein Lieblings-US-Bundesstaat zu werden! Dabei kommt ja leider der äußerst unangenehme Senats-Mehrheitsführer Mitch McConnel da her. Und viel mehr als Pferde-Derbys, endloses Farmland und Bourbon hatten wir ursprünglich von Kentucky auch nicht erwartet. Auf den ersten Blick trifft das auch zu. Aber dann nahmen wir kurzentschlossen an einer Führung im Shaker Village of Pleasant Hill bei Lexington teil. (Seit meinem Architekturstudium faszinieren mich die perfektionistischen Bauten und Designs der Shaker; bei unserer Reise im Frühjahr war das Dorf Hancock in Massachusetts aber leider geschlossen gewesen.) Nicht nur die sehr nette, quirlige Tourführerin, die sogar ein Mitglied der ehemaligen örtlichen Shakergemeinde einen entfernten Onkel nennen konnte, sondern auch der Ort an sich und ein Blick hinter die Kulissen der zur Zeit stattfindenden Sanierungsarbeiten waren irgendwie besonders.

Im Shaker Village of Pleasant Hill bei Lexington, KY.

Kentucky hat eine sehr kleine und sehr verschlafene Hauptstadt namens Frankfort. Wir gingen zum Abendessen in Historic Downtown in ein italienisches Restaurant und irgendwie kam es mir vor, als ob wir ganz nebenbei Statisten eines Edward-Hopper-Gemäldes geworden waren. Wenn man sich die geparkten Autos mal wegdenkt. Fast ein bisschen surreal wirkte jedoch der Güterzug, der plötzlich mitten durch die melancholische Abendszene – anstelle einer normalen Straßenbahn – die Hauptstraße entlang ratterte (amerikanische Güterzüge sind immer seeehr lang). Und die Kellnerin im Restaurant sprach einen sehr starken Dialekt.

Ein Stahl-Güterzug fährt durch die Hauptstraße (Broadway St) in Downtown Frankfort, vorbei am Old State Capitol.
Beinahe eine Szene in einem Edward-Hopper-Gemälde.

Das winzige Frankfort durfte sich offensichtlich auch des internationalen Nachkriegs-Stadtumbau-Drangs erfreuen und so ist sein Zentrum am Old State Capitol, wenn auch im sehr kleinen Rahmen, ein Bilderbuch des klotzigen 60er-Jahre-Städtebaus, was mein Architektenherz natürlich freut, vielen inzwischen aber wohl sehr hässlich vorkommt und zugegebenermaßen nicht besonders fußgänger- und geschäftsfreundlich ist. (Ich habe gelesen, dass man daher eine erneute Neugestaltung des Capitol Plaza plant.)

Städtebau am Capitol Plaza in Frankfort, KY.

Im ersten (und einzigen) Hotel am Platz fühlte man sich ebenfalls um mindestens vier Jahrzehnte zurückversetzt, aber auf eine liebenswürdige Art und Weise fand ich. Auch der Bartender war irgendwie liebenswürdig. Er hatte zwar wenig Ahnung von Europa und noch weniger von internationalen politischen Geschehnissen (Er guckte etwas ratlos, als Christian beim Gespräch über seine Arbeit den Coup in der Türkei vom vorletzten Jahr erwähnte. Ich denke in Kentucky wird es wie in vielen ländlichen Gebieten der USA sein: Über weite Strecken gibt es keinen Zugang zu neutralen, öffentlichen, geschweige denn liberalen, Radiosendern. Selbst im Hotel in Nashville lief Fox News als Frühstücksfernsehen. Ich war froh, dass dem dort wenigstens kaum einer Notiz geschenkt hat.). Dafür wurden wir aber ausführlich über Bourbon und so manchen Destillen-Geheimtipp der Region aufgeklärt! Und wer hätte gedacht, dass sich sogar Frank Lloyd Wright in Frankfort verewigt hat?

Zeigler House von Frank Lloyd Wright in Frankfort, KY.
Kentucky State Capitol in Frankfort, KY.
Verfallene Gebäude der Glenns Creek Bourbon Destillerie.
Lagergebäude der Buffalo Trace Destillerie.

Wir haben inzwischen wieder Strom. Morgen ist definitiv noch schulfrei. Unsere Neighborhood und die Dünen sahen heute sehr schön aus unter der dicken Schneedecke und fast ein bisschen mystisch. Die Nachbarn, denen es vergönnt war, scheinen den extra freien Tag alle genossen zu haben; eine Autofahrt endete für einige Wagemutige ohnehin in der nächsten Schneewehe. Am Nachmittag gab es ein eigenartiges Zwielicht und ein bisschen fühlt es sich heute so an, als ob auch die Zeit ein wenig stillgestanden hat. Ich fürchte nur, dass sie spätestens bei Einsetzen des Tauwetters wieder ganz offensichtlich und ganz unbarmherzig schnell verrinnt…

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