Mehr Meerjungfrauen oder der Spirit von Norfolk

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Als wir im Mai in Norfolk zum House Hunting waren sagte die Maklerin zu uns: „Norfolk is tricky!“ Denn man könne ein Millionen-Dollar-Haus besichtigen und einen Block weiter mitten in den „projects“ (Sozialwohnungsbau) stehen. Tatsächlich entpuppt sich Virginias Hafen- und Militärstadt Norfolk als äußerst facettenreich: In Downtown kann man die Hafenpromenade entlangtrödeln, protzige Wochenendkreutzer von wohlhabenden Mittel-Östlern oder die Schaufelradfähre nach Portsmouth (sprich: „Portsmiss“) bewundern und sich neben dem berühmten Museums-Schlachtschiff Wisconsin sehr klein vorkommen. Gebäude aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert werden umringt, mitunter auch ziemlich bedrängt, von mehr oder weniger gelungenen Blocks und Hochhäusern. Der Starbucks ist einer der Wenigen, der auch Wein ausschenkt. (Und vergiss nicht: Hier im Süden ist es sehr heiß im Sommer. Ohne die klimatisierte McArthur Mall, die einen ganzen Block im Straßenraster einnimmt, wären öffentliches Leben und Einzelhandel in der Innenstadt kaum zu denken…) In Ghent, Chelsea oder im Neon District kann man Norfolks Kunst-, Musik-, Café- und Vintageseele aufspüren und in der Rush Hour auf der Little Creek Road die Farb- und Formenvielfalt unzähliger Werbepylonen, schmuddeliger Shopping- oder Fast-Food-Baracken und Drive-thru-Apotheken studieren. Das Herz des spirituellen Menschen schlägt höher (nicht nur) auf der Granby Street, wo sich Masonic Temple, Baptist Church, Methodist Church und Tabernacle Church (was auch immer das ist) aneinanderreihen. Und nicht zuletzt die Ocean-View- und East-Beach-Neighborhoods mit neuen Meerblickvillen im Kolonialstil, schnellem Seafood und farbabblätternder, betonkastiger Motelromantik. Das Wetter ist jetzt in der zweiten Oktoberhälfte heiß und sonnig. Gestern Abend auf der Heimfahrt habe ich einen riesigen orangefarbenen Vollmond über der Bucht gesehen. Und bei jeder Fahrt durch die Stadt entdecken wir eine Meerjungfrau, die wir bisher noch nicht kannten: Ein fabelhafter Ort muss Norfolk sein… So bleibt mir nichts anderes als es wie Shakespeare in As You Like It (Wie es euch gefällt) zu sagen: „I like this place and willingly could waste my time in it.“

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mehr zu Norfolk…

Hard Days

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Diesen Beitrag möchte ich Breanna widmen, über die ich in diesen Tagen häufig morgens beim Joggen nachdenke. Die Kinder und ich waren neulich bei uns in der Straße beim Friseur. Breanna, die irgendwas Anfang/Mitte 20 sein mag, wunderschöne lange blonde Haare hat und mich immer mit „Ma’am“ ansprach (was mir ein bisschen peinlich war, in den Südstaaten wohl aber normale Alltagssprache ist), bediente uns. Nun, der Friseurtermin war mit 60 Doller inklusive Tip vielleicht nicht gerade ein Schnäppchen, aber ich fand es für die Zeit, die Breanna mit uns zugebracht hat, in Ordnung. Und Breanna freute sich außerdem über ein Bündel Dollars, die ein anderer Kunde für sie als Trinkgeld dagelassen hatte…

Breanna treffe ich auch manchmal an der Grundschule, wo ihr Sohn eine Kindergartengruppe besucht. Ihre 1 1/2 jährige Tochter ist bei ihrer Mom in Day Care hat Breanna mir erzählt. Als ich sie das erste Mal in ihrer Arzthelferkleidung (?) an der Schule sah, merkte ich einen kleinen Stich im Herzen: Worüber klage ich eigentlich? Dass ich abends um neun müde und kaputt bin, weil ich den ganzen Nachmittag Hausaufgaben der Kinder betreut und ihr Gezänk ertragen habe?  „Hard Days“ weiterlesen

Sei im Kaufrausch und tue Gutes!

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„The more you buy, the more you save!“, quäkt es jeden Morgen aus dem Autoradio. Und wir sparen, wo wir können: Mittlerweile haben wir schon einen ganzen Blumenstrauß an Kundenkärtchen am Schlüsselbund baumeln! Christian sagt, Amerika ist ein Land, in dem man sich arm sparen kann! Zugegeben, Geld ausgeben wird einem hier ziemlich einfach gemacht: Ein paar frische Zutaten fürs Abendessen, ein neues Duschbad und die Halloween-Deko, die mir so gut gefiel – mit 100 Bucks ($) bist du dabei… Dabei reicht das Einkaufserlebnis vom dutzendfachen öden Ausfallstraßen-Shoppingcenter, über das klopsige Navy-Exchange-Warenhaus (NEX) on base (hier sparen Militärangehörige und Markenkleidung ist günstig) bis hin zum McArthur-Center im Stadtzentrum von Norfolk, einer riesigen Shopping Mall mit Starbucks unterm Glasdach, gläsernen Aufzügen und – damit auch der Gang zur Toilette zum Erlebnis wird – plüschbestuhlter Ladies Lounge in piekfeinen Geschäften.

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